Keramikkünstlerin
Karen Müller im Gespräch mit Daniel J. Schreiber

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Erfolgreich mit widerspenstigem Material:
Die Künstlerin Karen Müller ist mit knapp 83 Jahren gestorben.

Von Sabine Reithmaier | Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 14. Juni 2022, 18:55 Uhr

Mit zierlichen, artig bemalten Porzellanfigürchen haben die widerspenstigen Plastiken Karen Müllers nichts gemein. Ihre expressiven Gestalten drücken innere Haltungen und Empfindungen aus, nicht selten jene, die ihre Schöpferin zum Zeitpunkt der Entstehung hegte. Das Markenzeichen der Künstlerin freilich sind große tanzende Porzellanschalen in intensiv leuchtenden Farben, technische Meisterwerke mit einem Durchmesser von bis zu 80 Zentimetern. Auch mit ihnen fiel es Karen Müller nie schwer, Geschichten zu erzählen.

Geboren wird sie 1939 in Hillgroven an der Nordsee, fast an der dänischen Grenze. Die Liebe führt sie nach Elmau. Siebzehnjährig lernt sie dort Frank Müller, Enkel des Schloss- Gründers Johannes Müller, kennen. Als die Ehe 1972 scheitert, zieht sie mit ihren drei Kindern ins „Waschhaus“ am Kaltenbach, ihr lebenslanges Domizil. 37 Jahre ist sie alt, als sie 1976 eine Lehre zur Keramikerin beginnt und ihre Auseinandersetzung mit Porzellan startet. Ein unbarmherziger Werkstoff, der sie ständig dazu zwingt, Grenzen auszuloten.

Niederlagen gehören zu Müllers Alltag – von zehn großen Schalen gehen acht oder neun während des Brennens kaputt. Doch Karen Müller ist zäh, meistert die körperliche Schwerstarbeit. Allmählich stellen sich erste Erfolge ein. Sie gewinnt Wettbewerbe, erhält 1984 den Bayerischen Staatspreis. Weitere Auszeichnungen und Ausstellungen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Japan und den USA folgen. 16 Jahre arbeitet sie im eigenen Atelier in Paris, entwickelt ganze Zyklen. Etwa jenen zum biblischen Schöpfungsbericht, in dem es auch einen achten Tag gibt und der 2003/2004 ein Jahr lang im Berliner Schloss Bellevue ausgestellt ist. Müller schürft auch die Pigmente für die Farben ihrer Skulpturen selbst, klettert dafür alljährlich auf einen Berg auf La Palma. Und sie tanzt begeistert Tango.


„Vor jeden Neubeginn stellen die Götter die Wächter der Angst“

den Satz hörte Karen Müller oft von ihrer Mutter. Die Künstlerin verwandelte ihn in eine dicht stehende Figurengruppe, die erst wie eine abweisende Wand wirken.
Doch wer seine Angst bewältigt, findet einen Durchschlupf, kann sich weiter entwickeln, Neues schaffen. So wie Karen Müller es immer wieder versucht hat. Am 28. Mai hat sie sich, wie ihre Familie jetzt mitteilte, auf ihren letzten Weg gemacht.

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